Hallo,
im Folgenden möchte ich schildern, wie ich zur
Atlaskorrekturtechnik Atlantotec kam und warum ich ein großer Fan dieser manualtherapeutischen Technik bin.
Anfang 2007 erschien eine Patientin, die an diesem Tag eigentlich gar keinen Termin hatte, an der Rezeption meiner physiotherapeutischen Praxis und teilte mir mit, dass sie den ausstehenden Termin absagen möchte, da sie keine Beschwerden mehr hätte. Ihr Atlas sei jetzt gerade und damit auch ihr Beckenschiefstand weg. Statt osteopathischen Behandlungen wolle sie jetzt nur noch ein paar klassische Massagen.
Ich hatte diese Patientin zweimal osteopathisch wegen Rückenschmerzen behandelt. Wohl ohne anhaltenden Erfolg. Und jetzt plötzlich findet sie was Neues, Spektakuläres und Teures und das hilft auf Anhieb?! Na klasse, was für ein Unsinn ist das jetzt wieder?, dachte ich. Atlas gerade!? Was ist denn hier los? Wie kann der überhaupt schief sein, ich kenne nur Funktionsstörungen!? Beckenschiefstand behoben!? Ja, o.k., wenn man das so nennen will. Aber wenn sich schon die Geistheiler an "Beckenschiefständen" versuchen, dann fällt dieser „Atlastherapeut“, bei dem sie war, wohl auch in diese Kategorie……
Na ja, dachte ich, in drei Wochen taucht sie wieder auf und ihre Beschwerden werden die Gleichen sein. Bevor sie ging, gab sie der Rezeption noch einen Flyer für mich mit dem Hinweis, dass dies eine empfehlenswerte Therapieform für mich sein könnte.
Der Flyer war von der Firma
Atlasprofilax. Über den Inhalt konnte ich nur den Kopf schütteln, hatte ich doch in meinen Ausbildungen zum Manualtherapeuten und Osteopathen einiges über die Kopfgelenke, ihre Bedeutung für die Gesundheit des Organismus, ihre Funktionsstörungen und die Behandlungsmöglichkeiten gelernt. Später befasste ich mich während meines Osteopathiestudiums im Rahmen meiner Diplomarbeit zum Thema Halswirbelsäulentherapie eingehend mit dem Forschungsstand auf diesem Gebiet.
In diesem Flyer jedoch war ein Atlas mit fast 45° (!) Verdrehung zum Schädel abgebildet. Unmöglich, ist so was überhaupt mit dem Leben vereinbar?
Wenn in der manuellen Therapie oder Osteopathie von Atlasbehandlung gesprochen wird, meint man das Gelenk zwischen Atlas (C1) und Axis (C2). Funktionsstörungen bzw. Blockaden dieses Gelenkes sind aber relativ leicht manuell zu behandeln. Sie werden darüber hinaus nicht als sogenannte "primäre Läsionen" angesehen. Es handelt sich dabei vielmehr um Kompensationen anderer Funktionsstörungen im Körper bzw. von Wirbelsäulensegmenten, die tiefer liegen und werden daher eher den "sekundären Läsionen" zugeordnet. Wenn ich als Therapeut also C1 zu C2 mobilisiere bzw. manipuliere, wird die Funktionsstörung sehr schnell zurückkommen, wenn ich es nicht schaffe diejenige Funktionsstörung in der Wirbelsäule zu beseitigen, die zuerst da war.
So ging also zunächst davon aus, dass ‚Atlasprofilax’ das Gelenk zwischen C1 und C2 behandelt, obwohl in dem Flyer der Atlas in einer grotesken Fehlstellung zum Schädel (C0) dargestellt war. Wie auch immer, ich hielt das ganze für ausgemachten naiven Blödsinn und befasste mich nicht weiter damit.
Ein Jahr später traf ich auf einer Sporttherapie-Fortbildung auf eine Teilnehmerin, die ebenfalls zur "Atlaskorrektur" war. Auch sie berichtete von Besserungen ihrer Beschwerden seit der Behandlung. Von ihr wollte ich jetzt wissen, wie genau denn die Behandlung ablief. Sie schilderte, dass ihr die Therapeutin mit einem "vibrierenden Massagestab" seitlich in Muskeln des Nackens bis hoch zum Schädel gedrückt und gebohrt hätte. Ich hakte nach, sie solle es mir doch bitte genauer zeigen, drückte mit meinen Fingern in die Muskeln ihres Nackens und bat um Rückmeldung, ob dies jetzt ähnlich der Therapie von Atlasprofilax wäre? "Nein, viel stärker!" war die Antwort. Also drückte ich stärker. "Nein, noch stärker!" kam die Rückmeldung. Huch, dachte ich, das ist ja interessant, denn ich hatte mit meinen Fingern schon ziemlich heftig Druck ausgeübt. Jetzt wurde das Ganze natürlich wieder interessant für mich, handelte es sich dabei scheinbar doch nicht einfach um eine abgewandelte Nackenmassage mit einem Vibrator. Montags nach der Fortbildung probierte ich den von meiner Kollegin geschilderten Behandlungsablauf an einigen Patienten aus, deren Nacken- und Kopfschmerzen ich schon längere Zeit mit wenig Erfolg behandelt hatte. Entsprechend des geschilderten bzw. von mir vermuteten Behandlungsablaufs drückte ich heftig in die Muskulatur der Halswirbelsäule und oben durch die kurzen Nackenmuskeln gegen den Atlas in Richtung der von mir vermuteten Bewegungseinschränkung. Ich benutzte dazu einen kurzen Handstab ("Triggosan-Schlüssel" nach Dr. Bauermeister), den ich zur Schonung meiner Finger bei Triggerpunktbehandlungen erworben hatte. Den Patienten tat das schon ziemlich weh, aber bei der nächsten Therapiesitzung berichtete einer der Patienten, dass seine Nacken- und Kopfschmerzen deutlich besser geworden seien.
Nun fiel eine weitere Sperre in meinem Kopf, denn mir war bei den Behandlungen bewusst geworden, dass ich gemäß den Schilderungen meiner Kollegin aus der Fortbildung eigentlich noch viel fester hätte drücken müssen. Die Patienten hätten das aber sicher nicht ausgehalten. Mit diesem geheimnisvollen Vibrator aber schien das wohl zu funktionieren. Jetzt war klar, ich musste dieses Gerät haben. Ich informierte mich im Internet über Atlasprofilax in verschiedenen Foren. Dabei stieß ich auch auf Atlantotec, die scheinbar das gleiche Prinzip der Korrektur anwendeten. Die Internetseite von Atlantotec wirkte transparenter: die Bilder vor einer Messwand, vor und nach der Behandlung aufgenommen, kamen mir nicht wie eine Fälschung vor, ebenso die Erfahrungsberichte der Patienten. Recht seriös wurde auch die Theorie geschildert, wenn auch für mich immer noch zu übertrieben, was die Indikationen anging.
Ich schrieb Alfredo Lerro, dem Gründer von Atlantotec, eine Mail, bewarb mich um einen Ausbildungsplatz und hatte Glück: eine Woche später kam das Angebot, an einem Kurs mit 3 weiteren Schülern kurz vor Weihnachten teilzunehmen. Es wurde dann eine sehr aufregende und aufschlussreiche Ausbildungswoche, in der wir Patienten, die sich „freiwillig“ zur Verfügung stellten, unter der Supervision von Alfredo untersuchten und behandelten. Natürlich kamen mir immer wieder Zweifel, ob das nicht alles nur kurzfristige Effekte oder gar Placeboeffekte seien, wenn Patienten nach der Behandlung vom Verschwinden ihrer Beschwerden berichteten. Da ich ja außerdem noch nicht sicher in meiner Diagnostik von Atlasfehlstellungen war, konnte ich nur auf die Richtigkeit der Grundannahmen über solche Fehlstellungen vertrauen: Das Gelenk, dass wir bei Atlantotec primär behandeln, ist nicht das Gelenk C1/C2 zwischen Atlas (C1) und dem zweiten Halswirbel Axis (C2) sondern das Gelenk C0/C1 zwischen Atlas und Schädel (C0). In der Osteopathie und der manuellen Medizin weiß man um die Bedeutung dieses Gelenkes für die Gesundheit des Organismus. Es ist kein Gelenk, welches Dysfunktionen anderer Gelenke kompensiert (C1/C2 ist das Kompensationsgelenk). Funktionsstörungen an dieser Stelle gehören zu den "primären Läsionen", d.h. sie sind wahrscheinlich aufgrund einer Gewalteinwirkung (medizinisch: Trauma) entstanden und zwingen den Organismus dazu, sich daran anzupassen. Sie ziehen "sekundäre Läsionen" nach sich, so dass neben Dysfunktionen und Blockaden von Schädelknochen, Schultergelenken,
Kiefergelenken und Wirbelsäulensegmenten bis runter zum Kreuzbein auch Irritationen wichtiger Nerven (v.a.
Hirnnerven) auftreten können. Außerdem verläuft dort noch ein Teil des Gehirns (Hirnstamm). Die Symptome der Patienten können von Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Sehstörungen,
Schwindel, Herzrhythmusstörungen usw. bis hin zu Verdauungsstörungen reichen. Darüber ist man sich in der Osteopathie und der manuellen Medizin einig.
Nicht einig ist man sich dagegen über Behandlungs- bzw. Korrekturmethoden. Diese reichen von Manipulationen mit hoher Geschwindigkeit (im Volksmund:
Einrenken) bis hin zu sanften, kaum spürbaren Mobilisationen.
Bei Atlantotec besteht folgende Überzeugung: Der Atlas kann, im Gegensatz zu den anderen Wirbelsäulengelenken, im wahrsten Sinne des Wortes "ausgerenkt" (klinisch: luxiert) sein. Das Gelenk zwischen Atlas und Schädel (Occiput) steht in einer abnormen Position. Natürlich nicht 45° wie im Flyer von "Atlasprofilax" dargestellt, aber der Atlas kann doch einige deutlich fühlbare und sichtbare Grade im Verhältnis zum Occiput verdreht und oftmals auch seitlich verschoben sein.
Spinal-Computertomographieaufnahmen auf der Website von Atlantotec zeigen dies. Wir in der Praxis stellen diese Fehlstellung palpatorisch (fühlend) mit den Händen fest. Wenn man diese Untersuchungsmethodik ständig von morgens bis abends an Patienten praktiziert, dann gewinnt man automatisch mit der Zeit eine große Sicherheit in der Diagnostik. Der Einsatz sogenannter „bildgebenden Verfahren“ wie die Spiral-CT-Aufnahme wird selten notwendig. Und wenn nach der Korrektur die Atlasfehlstellung palpatorisch als behoben beurteilt werden kann und der Patient auch noch von seinen Beschwerden befreit ist, dann kann dies mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf Einbildung oder Wunschdenken zurückzuführen sein.
Es stellt sich nun die Frage, ob man mit manuellen Techniken, die bei der Behandlung von sog. „somatischen Dysfunktionen“ (Bewegungsverluste und Blockaden) erfolgreich sind, auch das Kernproblem, nämlich die Fehlstellung, die Luxation des Gelenkes C0/C1 beheben kann. Nun, ich weiß es nicht. Ich persönlich konnte und kann es jedenfalls mit meinen Händen nicht, nicht jedenfalls mit den Techniken, die ich bei meiner Ausbildung zum Manualtherapeuten und Osteopathen vermittelt bekam.
Das Behandlungsprinzip von Atlantotec ist dagegen für mich einleuchtend, begründbar und erfolgreich: Zunächst muss die verkürzte und verspannte Muskulatur, die den Atlas vielleicht schon Jahrzehnte in der luxierten Position gehalten hat, gedehnt und entspannt werden. Dies geschieht mit Hilfe der von dem Gerät ausgeübten punktuellen Vibration (ähnlich wie bei der Triggerpunktbehandlung) und angemessenem Druck an den richtigen Stellen. Zur eigentlichen Korrektur braucht man dann einen dauerhaften sehr starken Druck in die richtige Richtung an die richtige Stelle auf den Atlas, so dass er wieder an seinen Platz unter dem Occiput rutscht. Dieser Druck muss für den Patienten noch ertragbar sein. Dafür sorgen die Vibration und die richtige Gummimischung auf dem Aufsatz. Der Rest ist 'Feeling' wie bei allen manualtherapeutischen Manövern.
Als ich anfing, Patienten in meiner Praxis zu behandeln und ich mit der Zeit immer sicherer bei der Diagnose von Atlasfehlstellungen wurde, schwanden die Zweifel an der Wirksamkeit der Methode von Monat zu Monat. Sicherlich frage ich mich auch heute noch immer wieder, ob bei der Eingangs- und Ausgangsdiagnose einer Atlasstellung oftmals nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ob ich mich wirklich auf meine Hände und Augen verlassen kann und viele der positiven Rückmeldungen von Patienten ebenfalls unter Wunschdenken einzuordnen sind. Aber ich merke, dass ich immer sicherer werde. Einige der "korrigierten" Patienten konnte ich auch über sehr viel längere Zeiträume als nur 4 Wochen (der Zeit zwischen Korrekturtermin und Nachuntersuchung) beobachten, da ich sie wegen Beschwerden behandle, die nichts mit Atlasfehlstellungen zu tun haben. Ich muss sagen, dass die erfolgten Atlaskorrekturen fast immer dauerhaft sind. Nur ganz selten muss ich ein zweites Mal korrigieren.
Diese Methode der Atlaskorrektur ist meiner Meinung nach eine geniale "Erfindung" auf dem Gebiet manualtherapeutischer Techniken. Erfinder ist der Schweizer René-Claudius Schümperli, meine Hochachtung. Ich kann sie mir im Rahmen meines ganzheitlichen therapeutischen Vorgehens aus meinem Behandlungsspektrum nicht mehr wegdenken.