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Die Abschaffung der Gesundheit

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Die Abschaffung der Gesundheit

DER SPIEGEL 33/2003 vom 11.08.2003, Seite 116

Autor: Jörg Blech

Die Abschaffung der Gesundheit
Systematisch erfinden Pharma-Firmen und √Ąrzte neue Krankheiten. Darmrumoren, sexuelle Unlust oder Wechseljahre - mit subtilen Marketingtricks werden Ph√§nomene des normalen Lebens als krankhaft dargestellt. Die Behandlung von Gesunden sichert das Wachstum der Medizinindustrie.

Anfang des 20. Jahrhunderts begann ein Arzt namens Knock damit, den Menschen die Gesundheit auszutreiben. Der Franzose schuf eine Welt, die nur noch Patienten kannte: "Jeder gesunde Mensch ist ein Kranker, der es noch nicht weiß."

Knock trat seinen Dienst in einem Bergdorf namens Saint-Maurice an. Die Einwohner waren wohlauf und gingen nicht zum Arzt. Der verarmte alte Landarzt versuchte seinen Nachfolger zu tr√∂sten und sagte: "Sie haben hier die beste Art von Kundschaft √ľberhaupt: Man l√§sst Sie in Ruhe."

Doktor Knock war nicht gewillt, sich damit abzufinden.

Doch wie nur sollte der Neuling die vitalen Menschen in seine Praxis locken? Was nur sollte er den Gesunden verschreiben? Listig schmeichelt Knock dem Dorflehrer und bringt ihn dazu, den Einwohnern Vortr√§ge √ľber die Gefahren von Kleinstlebewesen zu halten. Er engagiert den Dorftrommler und l√§sst ihn ausrufen, der neue Doktor lade alle Bewohner zu einer kostenlosen Konsultation - um die "unheimliche Ausbreitung von Krankheiten aller Art einzud√§mmen, die seit einigen Jahren in unserer einstmals so gesunden Region um sich greifen".

Das Wartezimmer f√ľllt sich. In den Sprechstunden diagnostiziert Knock sonderliche Symptome und bl√§ut den unbedarften D√∂rflern ein, dass sie seiner st√§ndigen Betreuung bed√ľrfen. Viele h√ľten fortan das Bett und nehmen allenfalls noch Wasser zu sich. Am Ende gleicht das Dorf einem einzigen Hospital. Es bleiben nur so viele Menschen gesund, wie n√∂tig sind, die Kranken zu pflegen. Der Apotheker wird ein reicher Mann; ebenso der Wirt, dessen Gasthof als Notlazarett allzeit ausgelastet ist.

Knock blickt abends begeistert auf ein Lichtermeer ringsum: Es sind 250 hell erleuchtete Krankenstuben, in denen - wie vom Doktor verordnet - 250 Fieberthermometer in die daf√ľr vorgesehenen K√∂rperh√∂hlen geschoben werden, sobald es zehn schl√§gt.

Der Dreiakter "Knock oder der Triumph der Medizin" feierte 1923 in Paris eine rauschende Premiere. In den folgenden vier Jahren wurde das St√ľck des franz√∂sischen Schriftstellers Jules Romains 1300-mal aufgef√ľhrt, sp√§ter mehrfach verfilmt, und es wird bis heute an Schulen gezeigt. Das Theater des Doktor Knock ist nicht totzukriegen - seine b√ľhnenreife Medizin wird im echten Leben fortgeschrieben. Sie handelt davon, wie gesunde Menschen in Patienten verwandelt werden.

An die Stelle des verf√ľhrerischen Dorfarztes jedoch ist eine ungleich gr√∂√üere Macht getreten, den Menschen die Gesundheit auszutreiben: die moderne Medizin. √Ąrzteverb√§nde und Pharma-Firmen, h√§ufig von Patientengruppen unterst√ľtzt, predigen eingangs des neuen Jahrhunderts eine Heilkunst, die keine gesunden Menschen mehr kennt.

Um das enorme Wachstum der fr√ľheren Jahre beibehalten zu k√∂nnen, muss die Medizinindustrie immer h√§ufiger auch Gesunde medizinisch traktieren. Global operierende Pharma-Konzerne und international vernetzte √Ąrzteverb√§nde definieren die Gesundheit neu: Nat√ľrliche Wechself√§lle des Lebens, geringf√ľgig vom Normalen abweichende Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft umgedeutet. Pharmazeutische Unternehmen sponsern die Erfindung ganzer Krankheitsbilder und schaffen ihren Produkten auf diese Weise neue M√§rkte.

Der Begriff "Sisi-Syndrom" beispielsweise tauchte 1998 erstmals auf: in einer einseitigen Werbeanzeige des Unternehmens SmithKline Beecham. Die betroffenen Patienten sind dem Konzern zufolge depressiv und gegebenenfalls mit Psychopharmaka zu behandeln. Allerdings √ľberspielten sie ihre krankhafte Niedergeschlagenheit, indem sie sich als besonders aktiv und lebensbejahend g√§ben. Das Syndrom werde nach der √∂sterreichischen Kaiserin Elisabeth ("Sisi") benannt, da sie den Patiententypus wie ein Urbild verk√∂rpere. Seither hat das Schlagwort die Medien erobert und wird von Psychiatern propagiert: Inzwischen wird die Zahl der am Sisi-Syndrom erkrankten Deutschen bereits auf drei Millionen gesch√§tzt.

Der Psychiater Markus Burgmer, 35, und Kollegen des Uniklinikums M√ľnster entlarvten das Volksleiden k√ľrzlich als Erfindung der Industrie. Ihre Auswertung der Fachliteratur hat offenbart, dass das Krankheitsbild als "wissenschaftlich nicht begr√ľndet" anzusehen ist. Die Medienpr√§senz des Sisi-Syndroms, darunter ein lanciertes Sachbuch zum Thema, gehe vielmehr zur√ľck auf Wedopress, eine PR-Firma in Oberursel, die von dem Pillenhersteller beaufragt worden war.

Wedopress selbst r√ľhmt sich heute, f√ľr die "Einf√ľhrung einer ,neuen'' Depression" ein "Trommelfeuer" in den Medien ausgel√∂st zu haben. Das Fazit der PR-Agentur lautet: "Das Sisi-Syndrom ist etabliert als besondere Auspr√§gung der Depression, akzeptiert von Medizinern und Patienten."

Die Firmen Jenapharm und Dr. Kade/ Besins Pharma wiederum versuchen gegenw√§rtig, eine Krankheit bekannt zu machen, die angeblich Millionen von M√§nnern im besten Alter heimsucht: das Aging Male Syndrome - die Menopause des Mannes. Die Unternehmen haben Meinungsforschungsinstitute, PR-Unternehmen, Werbeagenturen, Medizinprofessoren und Journalisten in Gang gesetzt, um die Wechseljahre des Mannes als ernst zu nehmende und weit verbreitete Erkrankung bekannt zu machen. Auf Pressekonferenzen wurde "der schleichende Verlust" der m√§nnlichen Hormonproduktion beklagt. Anlass f√ľr die Kampagne war die Marktreife zweier Hormonpr√§parate, die seit Fr√ľhjahr 2003 in Deutschland zu kriegen sind.

"Es ist schlau und auch ein bisschen gemein, Leute davon zu √ľberzeugen, dass sie etwas haben, von dem sie bisher gar nicht wussten, dass es existiert", sagt Jacques Leibowitch, Arzt im Krankenhaus Raymond Poincar√© nahe Paris.

Die Ausweitung der Diagnosen in den Industriestaaten hat ein groteskes Ausma√ü angenommen. Etwa 30 000 verschiedene Seuchen und Syndrome, St√∂rungen und Krankheiten wollen √Ąrzte beim Homo sapiens ausgemacht haben. F√ľr jede Krankheit gibt es eine Pille - und immer h√§ufiger f√ľr jede neue Pille auch eine neue Krankheit. Im Englischen hat das Ph√§nomen schon einen Namen bekommen: "disease mongering" - das Handeln mit Krankheiten.

Krankheitserfinder verdienen ihr Geld an gesunden Menschen, denen sie einreden, sie w√§ren krank. Ob soziale Phobie, Internet-Sucht, erh√∂hter Cholesterinspiegel, larvierte Depression, √úbergewicht, Menopause, Pr√§-Hypertonie, Weichteilrheumatismus, Reizdarmsyndrom oder erektile Dysfunktion - medizinische Fachgesellschaften, Patientenverb√§nde und Pharma-Firmen machen in nicht enden wollenden Medienkampagnen die √Ėffentlichkeit auf St√∂rungen aufmerksam, die angeblich gravierend sind und viel zu selten behandelt werden.

Im Ruhrgebiet sind "zwei Drittel der √ľber 45-J√§hrigen infarktgef√§hrdet", berichtet die "√Ąrzte Zeitung". Mehr als drei Millionen Bundesb√ľrger leiden am chronischen Ersch√∂pfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome), behauptet die in D√ľsseldorf erscheinende "Medical Press" - und f√ľgt versch√§mt hinzu: "ohne Gew√§hr". Die Gesellschaft f√ľr Ern√§hrungsmedizin und Di√§tetik in Aachen geht noch weiter: "Die in Deutschland lebenden Menschen sind alle von einem Vitaminmangel betroffen", verk√ľndet sie schlicht.

Jeder f√ľnfte Familienvater, sonst immer zuverl√§ssig und geduldig mit den Kindern, erkranke einmal im Leben am soeben entdeckten "K√§fig-Tiger-Syndrom", beteuern der m√ľnstersche Professor f√ľr Allgemeinmedizin Klaus Wahle und die PR-Firma Medical Consulting Group. Auf Grund bislang unerkannter, spezifischer Verstimmungen k√∂nnten die Papas "sich nicht mehr gut entscheiden, hadern ununterbrochen mit allem und jedem. Wie ein eingesperrter Tiger im K√§fig". In solchen F√§llen k√∂nnten Psychopharmaka und Extrakte aus Johanniskraut "f√ľr einen wieder ausgeglichenen Haushalt der Botenstoffe" im v√§terlichen Hirn sorgen.

51 Prozent im Volke leiden unter "Refluxsymptomen mit Beeintr√§chtigung der Lebensqualit√§t", verk√ľndet eine Allgemein√§rztin aus dem bayerischen R√∂dental - sie meint Sodbrennen. Genau 822 595 Menschen mit Hyperhidrose will die private K√∂lner Klinik am Ring in Deutschland gez√§hlt haben: Die Betroffenen schwitzen - angeblich so stark, dass sie medizinischer Hilfe bed√ľrfen.

Auch deutsche Rentner auf Mallorca sind reif f√ľr den Inseldoktor: Trotz - oder vielleicht gerade wegen - sch√∂nster √§u√üerer Umst√§nde mache ihnen die "Paradies-Depression" zu schaffen. Dieses Leiden will der im sonnigen Spanien praktizierende Psychotherapeut Eckhard Neumann beobachtet haben.

√Ąhnlich bedrohlich mutet die "Leisure Sickness" an, die pathologische Unf√§higkeit zum M√ľ√üiggang. Ad Vingerhoets von der Universit√§t im niederl√§ndischen Tilburg meint, drei Prozent der Bev√∂lkerung w√ľrden durch Freizeit krank. Die Symptome reichen von M√ľdigkeit √ľber Kopf- und Gliederschmerzen bis zu Erbrechen und Depressionen. Ferienorte sind zu meiden, weil die Seuche dort besonders heftig grassiert.

Selbst die Zugeh√∂rigkeit zum weiblichen Geschlecht wird von den √Ąrzten wie ein k√∂rperliches Leiden behandelt. Firmen wenden sich an die M√§dchen, beispielsweise in kostenlosen Zeitschriften, die beim Frauenarzt ausliegen. "Fragen Sie bei der Terminvergabe nach der Teenie-Sprechstunde", r√§t das Bl√§ttchen "Women''s Health", das laut Impressum mit "exklusiver Unterst√ľtzung der Gr√ľnenthal GmbH" erscheint. Im Editorial hei√üt es: "Der Gyn√§kologe wird zum Begleiter in allen Lebensphasen, und nicht selten legt er mit seinen Patientinnen eine Lebensstrecke gemeinsam zur√ľck - von jungen Jahren bis ins Alter."

S√§mtliche Umbruchphasen im Leben einer Frau sind l√§ngst in medizinische Probleme umdefiniert: Die meisten werdenden M√ľtter in Deutschland gelten als risikoschwanger, und die Zahl der Kaiserschnitte auf Wunsch steigt. Jedes Jahr werden rund 160 000 Geb√§rm√ľtter entfernt - wobei Experten zufolge mindestens 60 000 dieser Eingriffe √ľberfl√ľssig sind. Die Tage vor der Regelblutung ("pr√§menstruelles Syndrom") und nat√ľrlich die Wechseljahre wurden medikalisiert: Jede vierte Frau √ľber 40 schluckt in Deutsch-land √Ėstrogenpr√§parate, obwohl ein Nutzen wissenschaftlich nicht erbracht werden kann.

Ist eine erfundene Krankheit erst einmal im √∂ffentlichen Bewusstsein angekommen, zahlen Patienten und Krankenkassen wie selbstverst√§ndlich f√ľr die entsprechenden Medikamente und Therapien. Auch die aktuelle Reform des Gesundheitswesens vers√§umt es, mit dem Erfinden von Krankheiten aufzur√§umen - einer legal abgesicherten Ausbeutung der Sozialversicherung, aber auch leichtgl√§ubiger Selbstzahler steht nichts im Weg.

W√§hrend die ausufernden Kosten das Gesundheitssystem √ľberfordern, laufen die Gesch√§fte der Pharma-Industrie gl√§nzend. Im allgemeinen Krisenjahr 2002 wuchsen die Gewinne der zehn gr√∂√üten Pharma-Unternehmen abermals um ansehnliche 13 Prozent. F√ľr das Marketing gibt die reiche Branche mehr Geld aus als f√ľr die Forschung. Ein Drittel der Erl√∂se und ein Drittel des Personals setzt Big Pharma ein, um Arzneimittel auf dem Markt zu platzieren.

Zug um Zug werden dabei Krankheiten aufgebauscht oder schlicht ausgedacht. "Die Marketingleute jazzen das immer hoch. Das ist doch der nat√ľrliche Enthusiasmus", erkl√§rte Fred Nadjarian, Gesch√§ftsf√ľhrer der Firma Roche in Australien gegen√ľber dem "British Medi-

cal Journal". Ende der neunziger Jahre wollte Roche sein Antidepressivum Aurorix vermarkten, das gegen die soziale Phobie helfen soll, eine vorgeblich krankhafte Form der Sch√ľchternheit. Eine von Roche gesponserte Pressemitteilung behauptete, mehr als eine Million Australier litten unter dem "die Seele zerst√∂renden" Syndrom, das mit Verhaltenstherapie und Arzneimitteln zu behandeln sei.

Angesichts des gro√üen Marktes rieb sich Nadjarian schon die H√§nde - doch dann bekamen er und seine Leute nicht einmal gen√ľgend Testpersonen f√ľr die klinischen Studien zusammen. Die soziale Phobie war weit seltener, als die Roche-Mitarbeiter zun√§chst sich selbst und anschlie√üend der √Ėffentlichkeit eingeredet hatten. Diese Pleite offenbare ein Problem der Pharma-Branche, r√§umt Nadjarian ein - n√§mlich den Hang zur √úbertreibung. "Wenn Sie die ganzen Statistiken zusammenz√§hlen", so der Manager, "dann m√ľsste ein jeder von uns ungef√§hr 20 Krankheiten haben. Viele dieser Sachen werden v√∂llig √ľbertrieben dargestellt."

An dieser Masche st√∂ren sich etliche √Ąrzte. Hermann F√ľe√ül vom Bezirkskrankenhaus Haar etwa beklagt in dem Fachblatt "MMW": Die Verbreitung "von Problemen wird durch epidemiologisch fragw√ľrdige Untersuchungen ins Gigantische gesteigert, um dem Betroffenen aufzuzeigen, dass er sich in ''bester Gesellschaft'' befindet".

√Ąrzte, besonders die Spezialisten, erreichen einen besseren Status, gewinnen an Einfluss und verdienen mehr Geld, wenn ein neues Territorium f√ľr die Medizin erobert wird. Professoren deutscher Universit√§ten steigen wie selbstverst√§ndlich als Meinungsbildner f√ľr die Pharma-Industrie in den Ring. Diese "Mietm√§uler" (Branchenspott) streichen f√ľr einen Vortrag oder einen Auftritt auf einer Pressekonferenz Honorare in H√∂he von 3000 bis 4000 Euro ein und machen offen Werbung f√ľr die entsprechenden Krankheiten und die dazu passenden Produkte.

"Wenn es keine Krankheit gibt, dann gehen die Pharma-Firmen pleite", sagt Carlos Sonnenschein, Hormonexperte an der Tufts University in Boston. "Die Tragödie der Wissenschaft liegt darin, dass Mediziner bereit sind, ihre Expertise zu verkaufen, um den Interessen der pharmazeutischen Firmen zu dienen."

Ausgerechnet medizinische Gesellschaften sind vielfach eine enge Liaison mit der Industrie eingegangen. Martina D√∂ren, Professorin f√ľr Frauengesundheit an der Freien Universit√§t in Berlin, kritisiert: "Durch die in aller Regel d√ľnne, auf Mitgliederbeitr√§gen beruhende finanzielle Ausstattung wissenschaftlicher Fachgesellschaften hat es sich leider etabliert, dass Kongresse ohne substanzielle finanzielle Unterst√ľtzung pharmazeutischer Firmen nicht mehr existieren k√∂nnen."

Die allermeisten Daten zur Volksgesundheit werden im Auftrag von privaten Unternehmen und Kliniken erhoben und von Public-Relations-Agenturen an die Medien geliefert. Die Zahlen beruhen bestenfalls auf Stichproben und werden hochgerechnet auf das ganze Volk. H√§ufig genug aber geht die behauptete Verbreitung einer Krankheit nur zur√ľck auf beliebige Sch√§tzungen.

Kein Misstrauen regte sich, als der Psychologe Alexander Dr√∂schel aus Saarlouis im vorigen Jahr gegen√ľber der Deutschen Presse-Agentur verk√ľndete, zwischen Stralsund und Konstanz litten rund eine Million Kinder an einer psychiatrischen Krankheit, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit√§ts-Syndrom (ADHS). Seine Aussage wurde in ganz Deutschland verbreitet, eine konkrete Quelle daf√ľr vermochte Dr√∂schel nicht anzugeben: "Es kursieren die unterschiedlichsten Zahlen. Da habe ich eine aus dem mittleren Bereich herausgegriffen." An Dr√∂schels √∂ffentlicher Spekulation finden einschl√§gige Pharma-Firmen Gefallen: Sie halten Psychopillen f√ľr zappelige Kinder bereit, damit diese in Familie und Schule besser funktionieren, als die Natur sie geschaffen hat. Aggressiv buhlen sie um die jungen Patienten.

Die Firma Novartis mit Sitz in N√ľrnberg hat sogar ein Bilderbuch zum Thema ADHS herausgebracht. Das Pharma-M√§rchen erz√§hlt die Geschichte des Kraken Hippihopp, der "f√ľrchterlich ausgeschimpft" wird, weil er "√ľberall und nirgends ist" und ihm viele Missgeschicke passieren. Gl√ľcklicherweise erkennt Doktorin Schildkr√∂te, was Hippihopp hat: "ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom"! Und sie wei√ü auch, was er braucht: "eine kleine wei√üe Tablette".

Zu den Firmen, die sich den Markt selbst erfinden, geh√∂rt das Jenaer Unternehmen Biolitec. "Neuer Trend in der kosmetischen Chirurgie - erfolgreicher Einsatz von Biolitec-Lasern bei Vagina-Verj√ľngung" meldete die Firma vor einem Jahr. Es seien "bereits erste Kliniken in Deutschland und √Ėsterreich dazu in der Lage, die Form der Vagina entscheidend zu verbessern und ein jugendliches Aussehen wiederherzustellen, so dass unter anderem auch das Lustempfinden der behandelten Frauen deutlich gesteigert werden kann".

F√ľr den behaupteten Zuwachs an Designerscheiden fehlte freilich jeder Beleg. Auf die Nachfrage, welche √Ąrzte denn Vaginen per Laser aufh√ľbschten, nannte die beauftragte PR-Firma, die Financial Relations AG in Frankfurt am Main, zwar die Telefonnummern zweier Sch√∂nheitskliniken in Bad Reichenhall und Heidelberg. Wie sich herausstellte, konnte sich jedoch in beiden H√§usern niemand erinnern, Scheiden versch√∂nert zu haben. Die PR-Firma wollte dennoch nicht von ihrer Aussage abr√ľcken und trieb nach vielen Tagen einen Chirurgen auf, der in Wien praktizierte. Der Mann habe "Erfahrung mit kosmetischer Schamlippenkorrektur und best√§tigt den Trend".

Der Handel mit Krankheiten kennt f√ľnf Spielarten, wie sie der australische Kritiker Ray Moynihan und zwei √Ąrzte beschrieben haben:

* Normale Prozesse des Lebens werden als medizinisches Problem verkauft. Nachdem beispielsweise die Firma Merck & Co. ein Mittel gegen Haarausfall entdeckt hatte, startete die globale PR-Agentur Edelman eine Kampagne. Sie f√ľtterte Journalisten mit Studien: Ein Drittel aller M√§nner habe mit Haarausfall zu k√§mpfen. Zudem habe man herausbekommen, dass der Verlust des Kopfhaares zu Panik sowie emotionalen Schwierigkeiten f√ľhre und die Aussichten verringere, im Bewerbungsgespr√§ch einen Job zu bekommen. Was man nicht erfuhr: Die Studie wurde von Merck & Co. gesponsert, und die medizinischen Experten, die den Journalisten die Zitate diktierten, hatte Edelman aufgetan.

* Seltene Symptome werden als grassierende Krankheiten dargestellt. Seit der Einf√ľhrung der Potenzpille Viagra breitet sich die Impotenz erstaunlich aus. Auf einer Internet-Seite des Viagra-Herstellers Pfizer hei√üt es: "Erektionsst√∂rungen sind eine ernst zu nehmende und h√§ufige Gesundheitsst√∂rung: Ungef√§hr 50 Prozent der M√§nner zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr sind davon betroffen." Der Hamburger Urologe Hartmut Porst, einer der f√ľhrenden Potenzforscher in der Welt, h√§lt diese pauschale Aussage f√ľr heillos √ľbertrieben: "V√∂lliger Unfug."

* Pers√∂nliche und soziale Probleme werden in medizinische Probleme umgem√ľnzt. In der Nervenheilkunde gelingt die Umwandlung der Gesunden in Kranke besonders gut, zumal "es keinen Mangel an Theorien gibt, nach denen fast alle Menschen nicht gesund sind", wie der Hamburger Arzt Klaus D√∂rner spottet. Entsprechend rasant hat sich die Zahl der seelischen Leiden in den offiziellen "Klassifikationssystemen" vermehrt. Im Katalog der amerikanischen Veteran''s Administration waren nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 26 St√∂rungen notiert. Das jetzt g√ľltige "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischen Psychiater z√§hlt 395 verschiedene Leiden auf.

* Risiken werden als Krankheit verkauft. Indem Normwerte f√ľr Messgr√∂√üen wie Cholesterin und Knochendichte herabgesetzt werden, w√§chst der Kreis der Kranken. Das Jonglieren mit Risikofaktoren wird in den n√§chsten Jahren eine ungekannte Beschleunigung erfahren: durch die k√ľrzlich abgeschlossene Entschl√ľsselung des menschlichen Genoms. Fast im Wochentakt werden inzwischen Gene entdeckt, die Krankheiten im sp√§teren Leben ausl√∂sen oder beg√ľnstigen; darunter wom√∂glich k√ľnftig auch "Krankheitsgene", die angeblich zu sozial unerw√ľnschtem Verhalten beitragen. F√ľr die Ethiker Jacinta Kerin und Julian Savulescu wird die Auffassung von Gesundheit dadurch entscheidend ver√§ndert: "In diesem Sinne wird die Genetik uns die Sichtweise erm√∂glichen, dass wir alle in irgendeiner Hinsicht ''krank'' sind."

* Leichte Symptome werden zu Vorboten schwerer Leiden aufgebauscht. Das Reizdarmsyndrom etwa geht mit einer F√ľlle von Symptomen einher, die jeder schon einmal gesp√ľrt hat und die viele als normales Rumoren im Darm anse-

hen: Schmerzen, Durchfall und Blähungen. Die diffusen Beschwerden treten vor allem bei Frauen auf und wurden bisher den psychosomatischen Erkrankungen zugerechnet.

Erst mit der Verf√ľgbarkeit einer Arznei erwachte das Interesse der Industrie an der angeblichen Krankheit. Was in solch einer Phase in der abgeschotteten Pharma-Welt abl√§uft, dringt nur selten nach au√üen. Umso aufschlussreicher ist jenes vertrauliche Papier, dessen Inhalt voriges Jahr im "British Medical Journal" ver√∂ffentlicht wurde.

Es handelt sich um einen geheimen Strategieentwurf der PR-Firma In Vivo Communications. Ein auf drei Jahre angelegtes "medizinisches Erziehungsprogramm" sollte demnach den Reizdarm vom Ruch der psychosomatischen Störung befreien und als "glaubhafte, häufige und richtige Krankheit" darstellen.

In dem Konzept der PR-Leute ging es um das Marketing f√ľr das Medikament Alosetron (in den USA: Lotronex) des Konzerns GlaxoSmithKline in Australien. Das erkl√§rte Ziel des Schulungsprogramms: "Das Reizdarmsyndrom muss in den K√∂pfen der Doktoren als bedeutsamer und eigenst√§ndiger Krankheitszustand verankert werden." Auch die Patienten "m√ľssen √ľberzeugt werden, dass das Reizdarmsyndrom eine weit verbreitete und anerkannte medizinische St√∂rung ist".

Um skeptische Haus√§rzte zu √ľberzeugen, empfiehlt In Vivo Communications die Ver√∂ffentlichung von Artikeln in f√ľhrenden Medizinzeitschriften, wobei Interviews mit den Meinungsbildnern besonders wichtig seien. Deren Auftritt sei "von unsch√§tzbarem Wert", um die Informationen "klinisch g√ľltig" erscheinen zu lassen.

Auch Apotheker, Krankenschwestern, Patienten und eine medizinische Vereinigung sollten mit Werbematerial eingedeckt werden. Ein "Programm zur Patientenunterst√ľtzung" schlie√ülich solle sicherstellen, dass die Herstellerfirma bei den Verbrauchern "die Dividende der Treue einstreichen kann, wenn das Medikament des Konkurrenten auf den Markt kommt".

Die gr√∂√üte Phantasie beim Ersinnen neuer Krankheiten legen zweifellos die Psychiater an den Tag. Seuchenhaft breiten sich Wahn und Irrsinn in Deutschland aus, was nicht nur den Stand der Nerven√§rzte und der Psychotherapeuten in Lohn und Brot h√§lt, sondern auch pharmazeutischen Firmen gl√§nzende Gesch√§ftsbilanzen beschert. Die Aufkl√§rungsfeldz√ľge der Industrie zielen auf milde seelische Beeintr√§chtigungen, die einen gro√üen Personenkreis betreffen k√∂nnten. Aufm√ľpfigen Kindern beispielsweise wird dann ein Leiden namens "oppositionelles Trotzverhalten" attestiert.

Auch die Aufnahme der "pr√§menstruellen Dysphorie" in die Hitliste der Seelenleiden hat die Klientel der Psychiater merklich vermehrt; nun d√ľrfen sie das angeblich weit verbreitete Frauenleiden behandeln - gegebenenfalls mit Psychopharmaka. F√ľr diesen Markt hat die Firma Eli Lilly ein altbekanntes Produkt recycelt. Nachdem das Patent f√ľr den Pillenbestseller Prozac abgelaufen war, vermarktet das Unternehmen dieselbe Substanz nunmehr unter dem

Namen Sarafem: als Pille gegen das schwere prämenstruelle Syndrom. Die Psychiater treten auf diese Weise in Konkurrenz zu Frauenärzten - die doktern mit Hormonpräparaten am gleichen Phänomen herum.

Finanzielle Verbindungen gerade zwischen Psychiatern und Pharma-Firmen sind in Deutschland gang und gäbe. Die

Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) beispielsweise l√§sst sich von Unternehmen wie Astra Zeneca, Aventis Pharma Deutschland, Lilly, Novartis Pharma und Organon "unterst√ľtzen". Die von Firmen gesponserten "Presse-Infos" weisen die √Ėffentlichkeit auf immer neue Psycho-Leiden hin. So war im September 2002 zu lesen: "Depressionen, Angsterkrankungen, S√ľchte - so hei√üen die neuen Zivilisationskrankheiten."

Das kommt manchen Nerven√§rzten merkw√ľrdig vor. "Die Methoden zur Vermarktung von Informationen haben sich bis zu dem Punkt entwickelt, an dem die Denkart der √Ąrzte und der √Ėffentlichkeit innerhalb weniger Jahre bedeutsam ver√§ndert werden kann", urteilt der britische Psychiater David Healy. "Dass die Verbreitung von St√∂rungen um das Tausendfache steigt, scheint die √Ąrzte und die √Ėffentlichkeit nicht zu √ľberraschen."

Viele der "neuen Leiden der Seele", wie sie der Baseler Psychiater Asmus Finzen nennt, sind indessen nichts anderes als Wechself√§lle des normalen Lebens. Eigenbr√∂telei wird aufgebauscht zur "antisozialen Pers√∂nlichkeit". Die nat√ľrliche Trauer hat ebenfalls Eingang in die Psychiatrie gefunden: als "Anpassungsst√∂rung".

F√ľr das Heer der angeblichen Psycho-Patienten h√§lt die Industrie eine reichhaltige Auswahl an Medikamenten bereit. Antidepressiva, vor allem die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), von denen Prozac das bekannteste Beispiel ist, sind zu Modedrogen gegen Schwermut, Traurigsein und Angst geworden. Die Prozac-Kapseln (in Deutschland als Fluctin auf dem Markt) erh√∂hen die Menge des Serotonins im Gehirn und heben auf diese Weise die Stimmung. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der Gef√ľhle wie Stolz und Selbstwertgef√ľhl beeinflusst.

Urspr√ľnglich f√ľr die Behandlung schwerer Depressionen gedacht, werden SSRI in den westlichen L√§ndern heute gegen einen bunten Strau√ü von St√∂rungen verschrieben, die es vor Jahren noch gar nicht gab: generalisierte Angstst√∂rung, Panikst√∂rung, Zwangsst√∂rung etwa oder akute Stressst√∂rung. Der amerikanische Verbrauchersch√ľtzer Arthur Levin sagt: "Die Symptome sind so breit und vage, dass beinahe jeder sagen k√∂nnte: Mensch, das bin ja ich!"

Seitdem klar ist, dass SSRI und andere Pharmaka bestimmte Facetten des menschlichen Verhaltens ver√§ndern, werden diese Z√ľge und Stimmungen systematisch medikalisiert. Vor allem die "Angst" hat Begehrlichkeiten der Pillenhersteller geweckt. Anfang 2002 arbeiteten sich 27 verschiedene Substanzen durch die Entwicklungspipelines der Industrie, die allesamt als Mittel gegen Angstst√∂rungen vermarktet werden sollen.

Gern werden Syndrome erfunden, die sich an bereits anerkannte Krankheiten anlehnen. Im Dunstkreis der Depression wollen √Ąrzte und Industrie beispielsweise einen Zustand ausgemacht haben, den sie "Dysthymie" nennen. "M√ľde, niedergeschlagen, voller Selbstzweifel - wer hat nicht manchmal Phasen, in denen die ganze Welt grau in grau erscheint?", fragt die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und behauptet: F√ľr bis zu 3,3 Millionen Deutsche sei die eingetr√ľbte Gef√ľhlswelt ein Dauerzustand und werde "viel zu selten als Krankheitsbild erkannt und entsprechend behandelt". Der Volksmund ruft den Dysthymie-Patienten bei seinem angestammten Namen: Miesepeter.

"Manche Psychiater treiben ihre Diagnosen in der Tat so weit, dass am Ende wir alle etwas haben", sagt Psychiater Finzen, der die Angaben zur Verbreitung der seelischen Krankheiten aus dem Katalog DSM-IV einmal addiert hat: Demnach leiden zu jedem beliebigen Zeitpunkt 58 Prozent der Bevölkerung an irgendeiner Form von Persönlichkeitsstörung - es ist also normal, psychisch krank zu sein.

Kaum besser ist es um den Körper bestellt. Beim Cholesterin etwa hat man vor einigen Jahren in Deutschland die Grenzwerte so definiert, dass Menschen mit "normalen" Werten in der Minderheit sind, jene mit "unnormalen" Werten dagegen die Mehrheit stellen.

Wie kann das sein? Eine umfassende Studie an 100 000 Menschen in Bayern hat einen Durchschnittswert von 260 Milligramm pro Deziliter Blut ergeben. Die Nationale Cholesterin-Initiative, ein privater Interessenverbund von 13 Medizinprofessoren, schlug im Jahr 1990 dennoch einen Grenzwert von nur 200 vor und konnte ihn tatsächlich durchsetzen.

Die Mediziner der Cholesterin-Initiative repr√§sentierten Lobbyverb√§nde, darunter die industrienahe Deutsche Liga zur Bek√§mpfung des hohen Blutdrucks und die Lipid-Liga sowie die Deutsche Gesellschaft f√ľr Laboratoriumsmedizin. In einem "Strategie-Papier" forderten sie eine aggressive Ausweitung der Diagnose: "Jeder Arzt sollte den Cholesterinwert seines Patienten kennen."

Durch das Dekret finanziell interessierter Mediziner wurde die Mehrheit der Deutschen zu Risikopatienten erkl√§rt. In der Gruppe der 30- bis 39-J√§hrigen haben dem willk√ľrlichen Grenzwert zufolge 68 Prozent der M√§nner und 56 Prozent der Frauen einen erh√∂hten Cholesterinwert. Bei den 50- bis 59-J√§hrigen sind gar 84 Prozent der M√§nner und 93 Prozent der Frauen betroffen.

Die Besch√§ftigung mit dem Cholesterinwert ist heute ein weit verbreiteter Zeitvertreib, an dem √Ąrzte und Firmen Betr√§ge in Milliardenh√∂he verdienen. Der Bundesverband Niedergelassener Kardio-

logen, die Firma Unilever (Margarine "Becel"), der Pharma-Konzern Pfizer und das Unternehmen Roche Diagnostics betreiben regelmäßig "Gesundheitsinitiativen" mit dem Ziel, Menschen dazu zu bringen, ihren Cholesterinwert testen zu lassen.

In einer Brosch√ľre, die in Apotheken ausliegt, hei√üt es: "Ab dem 30. Lebensjahr sollte jeder seinen Cholesterinspiegel kennen und alle zwei Jahre kontrollieren lassen." Ein erh√∂hter Cholesterinspiegel sei "einer der wichtigsten Risikofaktoren" f√ľr Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die "Neue Apotheken Illustrierte" bezeichnet Cholesterin als "Zeitbombe f√ľr die Gesundheit".

Dabei ist die wachsartige Substanz ein lebenswichtiger Bestandteil des K√∂rpers und wird beispielsweise vom Gehirn in gro√üen Mengen ben√∂tigt: Das Denkorgan enth√§lt besonders viel Cholesterin. Die meisten K√∂rperzellen k√∂nnen es selbst herstellen, wenn es in der Nahrung fehlt. Zum Gl√ľck - denn ohne das so verteufelte Molek√ľl w√ľrden die Zellen zu Grunde gehen.

Und doch denken viele Menschen voller Furcht an den fr√ľhen Herztod, sobald sie das Wort Cholesterin nur h√∂ren. Es verg√§llt vielen das Fr√ľhst√ľcksei und die Butter auf dem Br√∂tchen und l√§sst sie nur noch mit Unbehagen in die Wurst bei√üen.

Getrieben vom schlechten Gewissen, lie√üen allein im Jahr 2001 mehr als eine Million Bundesb√ľrger im Rahmen der "Gesundheitsinitiative" ihren Cholesterinspiegel messen. Wie nicht anders zu erwarten, lagen mehr als die H√§lfte der Getesteten √ľber dem willk√ľrlich festgelegten Grenzwert von 200 - sehr erfreulich f√ľr die beteiligten √Ąrzte und Firmen: Roche Diagnostics stellt Ger√§te zum Cholesterinmessen her; die Kardiologen bekommen neue Patienten, denen sie den Verzehr von Butter ausreden - was wiederum der Margarinemarke Becel hilft; Pfizer schlie√ülich setzt weltweit Milliarden Euro mit Medikamenten um, die den Cholesterinspiegel senken.

Der in den volkserzieherischen Gro√üprogrammen erweckte Eindruck, die Cholesterintheorie sei eine gesicherte Erkenntnis der Medizin, t√§uscht. Viele √Ąrzte haben erheblichen Zweifel daran, ob das Cholesterin tats√§chlich die Schurkenrolle spielt, die ihm im Drama Herzinfarkt zugewiesen wird. Schon als 1990 in Deutschland der zweifelhafte Grenzwert von 200 ausgerufen wurde, gingen Experten wie der Kardiologe Harald Klepzig von der Deutschen Herzstiftung in Frankfurt am Main auf Distanz. Inmitten der Cholesterinhysterie sagte er: "Wir w√§ren gl√ľcklich, wenn eine einzige medizinische, kontrollierte Studie vorgelegt werden k√∂nnte, die zeigen w√ľrde, dass Menschenleben durch die Senkung von Cholesterin gerettet werden. Es f√§llt dagegen nicht schwer, zehn Studien herauszusuchen, die zeigen, dass eine Senkung des Fettes eher sogar mit einer h√∂heren Sterblichkeit einhergeht."

Und Paul Rosch, Pr√§sident des American Institute of Stress und Medizinprofessor am New York Medical College, kommentiert: "Die Gehirnw√§sche der √Ėffentlichkeit hat so gut funktioniert, dass viele Leute glauben, je niedriger ihr Cholesterinwert sei, desto ges√ľnder seien sie oder desto l√§nger w√ľrden sie leben. Nichts ist weniger wahr als das."

Tats√§chlich st√ľtzt sich die Behauptung vom b√∂sen Cholesterin keineswegs auf Beweise, sondern nur auf Indizien - und von denen halten viele einer √úberpr√ľfung nicht stand. So ver√∂ffentlichte der Forscher Ancel Keys von de r University of Minnesota im Jahr 1953 einen Artikel, der zum Gr√ľndungsmythos der Cholesterintheorie werden sollte. In seinem Aufsatz zeigte er ein Diagramm, das eine klare Beziehung zwischen dem Verzehr von Fett und der Sterblichkeit durch koronare Herzkrankheiten in sechs L√§ndern suggeriert.

"Die Kurve l√§sst kaum einen Zweifel am Zusammenhang zwischen dem Fettgehalt der Nahrung und dem Risiko, an koronarer Herzkrankheit zu sterben", kommentierte damals die Medizinzeitschrift "Lancet". So beeindruckend die Kurve verl√§uft - sie hat einen gewaltigen Sch√∂nheitsfehler: Keys hatte nur Daten aus 6 L√§ndern ber√ľcksichtigt - obwohl Zahlen aus insgesamt 22 Staaten vorlagen.

Wenn Keys "alle Länder einbezogen hätte, wäre nichts aus der schönen Kurve geworden", sagt der Arzt Uffe Ravnskov aus dem schwedischen Lund. "Die Sterblichkeit durch die koronare Herzkrankheit war in den USA beispielsweise dreimal höher als in Norwegen, obwohl in beiden Ländern annähernd gleich viel Fett verzehrt wurde."

Kritiker wie Ravnskov verneinen keinesfalls, dass ein Zusammenhang zwischen Blutfetten und Koronarerkrankungen besteht. So leiden etwa 0,2 Prozent der Bev√∂lkerung an famili√§rer Hypercholesterin√§mie: Menschen mit dieser Erbkrankheit haben zu wenige intakte oder g√§nzlich defekte Cholesterinrezeptoren. Das Cholesterin kann deshalb kaum vom Blut in die K√∂rperzellen transportiert werden, so dass der Cholesterinspiegel steigt. Die Werte liegen bei 350 bis 1000 Milligramm pro Deziliter. Die Betroffenen haben ein extrem hohes Risiko, fr√ľher als andere an Herzinfarkt zu sterben, weil sie h√§ufig an einer schweren Form der Arteriosklerose erkranken.

Allerdings ist fraglich, ob dieses Leiden mit der echten Arteriosklerose vergleichbar ist. Autopsiestudien an Menschen, die an famili√§rer Hypercholesterin√§mie litten, haben gezeigt, dass sich das Cholesterin nicht nur in den Gef√§√üen ablagert, sondern √ľberall im K√∂rper. "Viele Organe sind regelrecht von Cholesterin durchdrungen", sagt Ravnskov. Deshalb ist es ein Irrtum, den Zusammenhang zwischen Cholesterin und Arteriosklerose auf Menschen mit normalem Cholesterinspiegel zu √ľbertragen.

Wenn der Arzt alte "Risikopatienten" dazu dr√§ngt, auf cholesterinarme Lebensmittel umzustellen, so kann das f√ľr die Greise sogar gef√§hrlich werden. Die Ern√§hrung von Betagten sei "ohnehin schon durch Zahnprothesen, Verstopfung, Appetitmangel und Unvertr√§glichkeit vieler Speisen beeintr√§chtigt", warnt der amerikanische Arzt Bernard Lown.

Der Herzspezialist und Buchautor hat selbst erlebt, wie eine hochbetagte Frau pl√∂tzlich abmagerte und verfiel, weil sie versuchte, ihren Cholesterin- und auch Blutzuckerspiegel zu senken. Lown setzte dem bedrohlichen Unfug ein Ende: "Ich empfahl ihr, alle diese √§rztlichen Ratschl√§ge zu ignorieren und zu essen, was immer ihr Spa√ü machte. Innerhalb von sechs Monaten gewann sie ihr urspr√ľngliches Gewicht und auch ihre vitale und positive Stimmung wieder zur√ľck."

Die Diagnose sei eine der h√§ufigsten Krankheiten, spottete schon der Wiener Satiriker Karl Kraus. Die Cholesterindebatte gibt ihm Recht - oder auch das Beispiel der Osteoporose: Einst wurde von einer solchen nur dann gesprochen, wenn das altersbedingte Schwinden der Knochenmasse tats√§chlich zu einer Fraktur gef√ľhrt hatte. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurde die Diagnose "Oberschenkelhalsbruch" im Jahr 1995 in Deutschland in insgesamt 74 803 F√§llen bei Menschen √ľber 74 Jahren gestellt. Das entspricht in dieser Altersgruppe einem relativen Anteil von 1,2 Prozent.

Diese Zahl, die in anderen Industriestaaten vergleichbar sein d√ľrfte, reicht f√ľr das Etikett Volkskrankheit nicht aus - deshalb musste die Osteoporose v√∂llig neu erfunden werden. Die Rorer Foundation sowie die Firmen Sandoz Pharmaceuticals und SmithKline Beecham sponserten 1993 ein Treffen einer Kommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO), auf der genau dieser Schritt vollzogen wurde. Bereits "der allm√§hliche Abbau der Knochenmasse im Alter", so die heute g√§ngige Definition, sei als Osteoporose anzusehen. Seither hat die Pharma-Industrie die M√∂glichkeit, so ein deutscher Arzt, "die H√§lfte der Bev√∂lkerung ab 40 Jahren bis ins hohe Alter mit Medikamenten zu versorgen".

Um das neu definierte Leiden √ľberhaupt diagnostizieren zu k√∂nnen, bedarf es einer trickreichen Messung der Knochendichte, bei der sich die √Ąrzte zu Nutze machen, dass ein Knochen umso mehr R√∂ntgenstrahlen abschw√§cht, je dichter er ist. Die Ergebnisse werden vom Computer ausgewertet und sodann mit der Knochendichte eines 30 Jahre alten gesunden Menschen verglichen.

Das Verfahren stellt bei beinahe jedem älteren Menschen eine verringerte Knochendichte fest - eben weil der Knochenschwund genauso Folge des Alterns ist wie etwa faltige Haut.

Um trotzdem von einem pathologischen Vorgang sprechen zu k√∂nnen, musste die WHO willk√ľrliche Grenzwerte festsetzen. Eine Osteoporose liegt demnach vor, wenn die Knochenmasse ungef√§hr 20 bis 35 Prozent unterhalb des Normwertes liegt - oder mehr als 2,5 Standardabweichungen unter der Norm. Auf Gehei√ü der WHO sind im Jahre 1993 ganze Bev√∂lkerungsschichten pl√∂tzlich erkrankt: 31 Prozent der Frauen zwischen 70 und 79 Jahren leiden einer schwedischen Studie zufolge seither an Osteoporose; von den Frauen √ľber 80 gelten nun 36 Prozent als knochenkrank - selbst wenn sie sich in ihrem langen Leben noch nie etwas gebrochen haben.

Pharmazeutischen Unternehmen beschert die WHO-Definition Milliardenums√§tze. Eine Studie aus den USA ergab: Jede zweite Frau √ľber 45 Jahre, bei der die Knochendichtemessung eine Osteoporose anzeigt, l√§sst sich binnen eines halben Jahres mit einschl√§gigen Pr√§paraten behandeln.

Eine wissenschaftliche Begr√ľndung f√ľr ihre Entscheidung blieben die WHO-Experten schuldig. Als der deutsche Bundesausschuss der √Ąrzte und Krankenkassen bei der WHO vor drei Jahren nachfragte, auf welchen Studienergebnissen der Beschluss fu√üt, wollte oder konnte der zust√§ndige Mitarbeiter keine Quellen benennen.

Das ist kein Wunder: Der Nutzen der Knochendichtemessung f√ľr beschwerdefreie Patientinnen ist nicht belegt. Zu diesem Schluss kamen - unabh√§ngig voneinander - deutsche, amerikanische und schwedische Studien. Die Experten des B√ľros f√ľr Technikfolgenabsch√§tzung der University of British Columbia im kanadischen Vancouver haben einen 174 Seiten umfassenden Bericht zu der Frage vorgelegt, ob das Diagnostizieren √ľberhaupt etwas bringt. Ihr Fazit ist eindeutig: Die wissenschaftliche Beweislage spreche "nicht daf√ľr, dass das Messen der Knochendichte bei gesunden Frauen in oder nahe der Menopause geeignet ist, um Knochenbr√ľche in der Zukunft vorherzusagen".

Die Knochendichtemessung an beschwerdefreien Menschen wurde in Deutsch-land vor kurzem aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherer gestrichen.

Den Elan der √Ąrzte hat das nicht gebremst: Nunmehr hoffen sie, dass die √§lteren Menschen selbst f√ľr die nutzlose Diagnose blechen. Dazu verkaufen sie die Knochendichtemessung als "individuelle Gesundheitsleistung" (IGeL), die der Patient aus eigener Tasche bezahlen soll.

"Wer in der Praxis IGeLn will, braucht ein bisschen Gesp√ľr f√ľr die ''Kaufbereitschaft'' und die richtige Situation", r√§t die medizinische Fachzeitschrift "MMW" ihren √§rztlichen Lesern. Oft ergebe sich die Gelegenheit aus dem Gespr√§ch: "Die Dame in den Wechseljahren mit ihren Osteoporose-Sorgen wird wahrscheinlich dankbar sein f√ľr den Hinweis ihres Arztes

auf die Osteoporose-Diagnostik und -vorbeugung in der Praxis."

Die Medikalisierung des Lebens h√§lt das britische Nuffield Council on Bioethics, ein elit√§rer Zirkel von 15 Philosophen, √Ąrzten und Wissenschaftlern, f√ľr einen neuen Megatrend. Der weltweit geachtete Think- Tank warnte voriges Jahr: "Eines der Probleme liegt in der diagnostischen Ausbreitung oder der Tendenz, dass St√∂rungen so breit definiert werden, dass mehr und

mehr Individuen im Netz der Diagnose gefangen werden."

Nicht nur die Gesetze des Markts f√∂rdern die Ausweitung der Medizin. Sie vollzieht sich auch deshalb so rasch, weil der Heilkunde seit Jahrzehnten kein Durchbruch gelungen ist. Wo aber Therapien gegen Gei√üeln wie Krebs fehlschlagen, wo lukrative Pharma-Patente ablaufen, wo w√ľtende Forschungsanstrengungen (jeden Tag erscheinen etwa 5500 medizinische Artikel) keine Durchbr√ľche bringen, da wenden sich Mediziner und Pharma-Forscher den Gesunden zu.

Der im vorigen Jahr verstorbene Medizinhistoriker Roy Porter hielt die Medikalisierung des Lebens f√ľr ein strukturelles Problem der westlichen Gesundheitssysteme und Gesellschaften, weil in ihnen die bestm√∂gliche medizinische Versorgung als Grundrecht gilt. Es entstehe "ein gewaltiger Druck - erzeugt von Medizinern, dem Gesch√§ft mit der Medizin, Medien, aggressiv werbenden pharmazeutischen Unternehmen und pflichtbewussten (oder anf√§lligen) Einzelpersonen -, die Diagnose behandelbarer Krankheiten auszuweiten". Wie eine au√üer Kurs geratene Rakete schraubten sich √Ąngste und Eingriffe immer h√∂her. √Ąrzte und Konsumenten erl√§gen zunehmend der Vorstellung, "dass jeder irgendetwas hat, dass jeder und alles behandelt werden kann".

Da hilft alles Leugnen nicht. Denn selbst wer sich der ausufernden Gesundheitsindustrie verweigert, offenbart damit nur, dass er ein Fall f√ľr sie ist: Etwa drei Prozent der Bundesb√ľrger, so hat die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde entdeckt, gehen nur deshalb nicht zum Doktor, weil sie krank sind: Sie leiden unter der "Blut-, Verletzungs-, Arzt- oder Zahnarztphobie". J√ĖRG BLECH
* Alexandre Rignault und Louis Jouvet in "Knock oder der Triumph der Medizin", Frankreich 1933. * Bei Bayer in Wuppertal. * Auf Fahrten durch Deutschland bietet Pfizer M√§nnern kostenlose Messungen von Cholesterinspiegel, Blutzucker, Blutdruck und Gewicht an. * Elisabeth von √Ėsterreich, Gem√§lde von Franz Xaver Winterhalter, 1864. * Inszenierung von Leander Haussmann am Thalia-Theater in Hamburg, M√§rz 2001.
:gelöscht: Die Medizin hat so viele Forschritte gemacht, dass bald niemand mehr gesund ist :esclamativo: Aldous Huxley

:best√§tigt: ATLASKORREKTUR :Atlantovib: :atlas: Der Schl√ľssel zur Gesundheit ! >> :esplosivo: Kopfschmerzen :weinen: Spannungskopfschmerzen :ubriaco: Schwindel
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